Erstorientierungskurse sind auch soziale Erlebnisräume

Erstorientierungskurse sind auch soziale Erlebnisräume

Ein Gespräch mit einer EOK-Lehrkraft.

Erstorientierungskurse bieten nicht nur Teilnehmenden Orientierung – auch ihre Lehrkräfte können wertvolle Erfahrungen sammeln. Das zeigt das Interview mit Herrn Reifferscheidt. Der pensionierte Lehrer hat sich ganz bewusst für einen EOK unter Leitung der vhs Heinsberg entschieden und berichtet im Gespräch mit der Koordinierungsstelle des Landesverbandes von seinen  Erwartungen im Vorfeld und davon, wie der Kursverlauf seine Sicht auf das Format nachhaltig zum Positiven verändert hat.

Herr Reifferscheidt, als Lehrer haben sie fast 40 Jahre Berufserfahrung. Mit welchen Gedanken und Erwartungen sind Sie in Ihren ersten Erstorientierungskurs gegangen?

Mir war klar, dass der Unterricht in einem Erstorientierungskurs neue Anforderungen an mich stellen würde. Ich habe die Aufgabe als pädagogisches Neuland gesehen, insbesondere deshalb, weil ich es mit einer sehr heterogenen Gruppe von Teilnehmenden zu tun haben würde – Menschen unterschiedlichen Alters, die sich erst seit kurzer Zeit in Deutschland aufhalten und sehr unterschiedliche Bildungsbiografien mitbringen. Eine zentrale Frage, die ich mir zu Beginn stellte, war: Welche Lernfortschritte werden unter diesen Voraussetzungen überhaupt möglich sein? Sehr große, wie sich herausstellte. Aber dennoch: Am Anfang war ich skeptisch. Gleichzeitig hatte ich die Hoffnung, bei dieser neuen Herausforderung auch Unterstützung zu erfahren. Das hat sich erfüllt. Beispielsweise konnte ich auf hilfreiche Print- und Online-Materialien zurückgreifen, um den Unterricht gut zu gestalten.

Wie haben sich Ihre Eindrücke im Laufe des Kurses verändert? Was hat Sie positiv überrascht?

Die größten positiven Überraschungen sind für mich die Teilnehmenden. Mit ihrer konstant hohen Motivation haben sie meine anfänglichen Befürchtungen zerstreut. Selbst Teilnehmende, die nur kleine oder langsame Lernfortschritte machen, bleiben engagiert und konzentriert bei der Sache. Ein besonders berührender Moment war für mich als die Gruppe den Wunsch äußerte, den Kurs in dieser Konstellation fortzuführen. Das ist organisatorisch leider nicht möglich. Aber dieser Wunsch ist für mich ein starker Ausdruck der Lernmotivation und eine schöne Bestätigung dafür, dass die Teilnehmenden den Kurs positiv erlebt haben.

Welche Unterschiede nehmen Sie im Vergleich zu Integrations- oder Berufssprachkursen wahr – sowohl inhaltlich als auch in der Arbeit mit den Teilnehmenden?

Es gibt deutliche Unterschiede – sowohl inhaltlich als auch in Bezug auf den Lernstand der Teilnehmenden. Der Integrationskurs erstreckt sich über mehrere Monate. So können deutlich größere Lernfortschritte erzielt werden. Je besser die Sprachkenntnisse werden, desto eher ist es möglich, vertiefend über verschiedene Themen zu sprechen. Das ist im EOK nur sehr eingeschränkt möglich. Besonders deutlich wird dieser Unterschied bei Themen wie dem Modul „Werte und Zusammenleben“. Die Vermittlung von abstrakten Begriffen wie „Pflicht“ oder „Regel“ stellt im EOK eine große Herausforderung dar – sowohl für die Lehrkraft als auch für die Teilnehmenden. Man darf dabei aber nicht vergessen, dass ein Teil der Teilnehmenden in ihren Herkunftsländern kaum oder gar keine schulische Bildung erhalten hat. Aus diesem Grund sind insbesondere zu Kursbeginn regelmäßig auch Alphabetisierungsübungen ein fester Bestandteil des Unterrichts – und bleiben es, je nach Gruppe, teilweise auch über längere Zeit hinweg. Dieses didaktische Spannungsfeld macht den EOK zu einer besonders anspruchsvollen, aber auch sehr bedeutsamen Unterrichtssituation. Sie zu bewältigen gelingt auch dank sehr gut strukturierter und praxistauglicher Unterrichtsmaterialien. In diesem Punkt ist man als Lehrkraft im EOK freier als im Integrations- oder Berufssprachkurs. Die Kombination aus festen Unterrichtsmaterialien und individuell ausgewähltem Zusatzmaterial hat sich als sehr hilfreich erwiesen, um den unterschiedlichen Lernständen der Teilnehmenden gerecht zu werden.

Gibt es bestimmte Themen oder Momente im EOK, die Sie als besonders wirksam oder wichtig empfinden?

Besonders wirksam und wichtig empfand ich im Unterricht jene Momente, in denen es gelungen ist, direkten Bezug zur Lebenswirklichkeit der Teilnehmenden herzustellen – etwa bei Themen wie „Einkaufen“ oder „Arztbesuche“. Derartige Inhalte haben sich als besonders nachhaltig erwiesen, da sie den Alltag der Lernenden unmittelbar berühren und so die Identifikation und Motivation stärken. Schön, dass der EOK auf solche Inhalte entsprechend großen Wert legt. Auch mit stark didaktisch reduzierten Grammatikeinheiten, wie zum Beispiel der Einführung der Verbkonjugation im Präsens, konnte ein erstes Verständnis für grundlegende sprachliche Strukturen vermittelt werden. Ganz besonders eindrücklich waren für mich jene Momente, in denen Teilnehmende ein persönliches Erfolgserlebnis hatten – sei es beim Lösen einer kleinen Grammatikaufgabe oder beim fehlerfreien Vorlesen eines Satzes. Solche Erfolge wurden von den Lernenden oft mit einem freudigen Lachen gefeiert, das Zufriedenheit und wachsendes Selbstvertrauen ausdrückte. In meinen Augen ist es gerade im EOK sehr wichtig, Erfolgserlebnisse konsequent positiv zu verstärken, denn der EOK steht ja am Anfang eines längeren Lernprozesses in einer neuen Lebensumgebung. Mehr noch als in anderen Kursformaten habe ich hier versucht, eine Arbeitsatmosphäre zu schaffen, die von Wohlwollen, Anerkennung und gegenseitigem Respekt geprägt ist – und in der auch das gemeinsame Lachen nicht zu kurz kommt. Ich bin überzeugt, dass dies ein wesentlicher Faktor für den Lernerfolg ist.

Was würden Sie anderen Lehrkräften sagen, die dem Kursformat Erstorientierungskurs noch skeptisch gegenüberstehen?

Lehrkräften, die dem Format EOK noch skeptisch gegenüberstehen, würde ich mitgeben, dass gerade hier ein sehr bewusstes pädagogisches Handeln gefragt ist – insbesondere in Form einer konsequenten didaktischen Reduktion. Es ist wichtig, sich darauf einzustellen, dass Lernprozesse in diesem Kontext meist sehr kleinschrittig verlaufen. Geduld, Einfühlungsvermögen und eine grundlegende positive, wertschätzende Haltung sind zentrale Voraussetzungen für eine erfolgreiche Arbeit im EOK. Lob und Ermutigung spielen dabei eine entscheidende Rolle – selbst kleinste Fortschritte verdienen Anerkennung. Darüber hinaus sollte einer Lehrkraft bewusst sein, dass der EOK weit mehr ist als nur ein Raum zur Vermittlung von Sprach- und Orientierungsthemen. Er ist zugleich ein sozialer Erlebnisraum, in dem Teilnehmende miteinander in Kontakt treten, ein Gefühl von Gemeinschaft entwickeln, sich mit ihrer Lebensrealität einbringen und auf vielfache Weise Anerkennung und Zugehörigkeit erfahren können. Wer sich auf diese besondere Form des Unterrichtens einlässt, kann als Lehrkraft nicht nur fachlich, sondern auch menschlich bereichert werden. Denn die Dankbarkeit, mit der die Teilnehmenden das Angebot annehmen und die Unterstützung würdigen, zeigt sich oft sehr direkt – in Worten, Gesten oder einfach im ehrlichen Wunsch, weiter gemeinsam zu lernen. Diese Form der menschlichen Nähe ist im EOK oft stärker spürbar als in anderen Kursformaten – und genau darin liegt für mich ein großer Gewinn im EOK.

Foto: Privat
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